Das Magazin der Friedhelm Loh Group

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Miteinander – Gesellschaft

Neustart für eine zweite Chance

Lebenshilfe. Robi Brömel brauchte Starthilfe für ein neues Leben. NEUSTART hat ihm dabei geholfen. Der Verein kümmert sich um junge Menschen, die durch Sucht oder Kriminalität das Vertrauen in sich und der Gesellschaft verloren haben. Die Rittal Foundation unterstützt den Verein seit Jahren dabei.


Text Elena Berhausen ––– Fotografie

Wenn du so weitermachst, lebst du kein halbes Jahr mehr“, mit diesen Worten wird Robi Brömel eines Morgens im Krankenhaus von einer Ärztin begrüßt: Mit einem Rauschgiftcocktail hatte er sich in der Nacht zuvor die dritte Überdosis innerhalb kürzester Zeit zugefügt. Wie es so weit kommen konnte, darüber spricht der heute 22-Jährige offen und reflektiert: „Ich habe damals in der Nähe von Freiburg meine Kfz-Lehre angefangen und Leute kennengelernt, die bereits mit Drogen zu tun hatten. Sie haben gekifft, ich war neugierig, habe Cannabis probiert, bald darauf folgten Speed und Kokain, zum Schluss kamen Ecstasy und LSD dazu.“

„Ich merke, dass die Betreuer darauf vertrauen, dass ich nicht wieder abrutsche. Auch ich selbst habe keine Angst mehr davor.“


Robi Brömel
nahm an dem Resozialisierungsprojekt teil und wagte 2014 den Neustart.

NEUSTART war seine letzte Chance. Das Resozialisierungsprojekt mit dem programmatischen Namen nahm ihn auf und gab ihm nicht nur eine Chance, sondern auch eine Perspektive. Unterstützt von der Rittal Foundation, hilft NEUSTART straffällig gewordenen Jugendlichen auf dem Weg zurück in ein gutes Leben. Jetzt spendete die Stiftung erneut 5.000 Euro für die Erweiterung der Hofanlage um ein Café und einen Gemeinschaftsraum.

Seit 27 Jahren ist die diakonische Einrichtung in Breitscheid eine Anlaufstelle für junge Männer, die auf die schiefe Bahn geraten sind, diese verlassen wollen und Starthilfe brauchen. Entstanden ist sie auf Initiative der freien evangelischen Gemeinde im Ort. Inzwischen zählt der Verein rund 100 ehrenamtliche Helfer, die Häftlinge in Gefängnissen in der Region besuchen, eine betreute Wohngemeinschaft für junge Gefährdete betreiben und noch viel mehr tun, um den Menschen zu helfen, sich zu ändern und das verloren gegangene Vertrauen der Gesellschaft wieder zurückzugewinnen.

 

Absturz wird zum Wendepunkt

An vieles aus seiner schlimmen Zeit erinnert sich Robi Brömel kaum noch – zum Glück! Allerdings haben die Betäubungsmittel auch seine Kindheitserinnerungen größtenteils gelöscht. Darüber ist der junge Mann traurig. „Ich weiß noch genau, wie ich damals im Krankenhaus begriffen habe, dass ich wirklich aufhören muss, wenn ich weiterhin leben will“, sagt er ernst.

Robi suchte sich Hilfe, entschied sich – auf Anraten seiner Eltern – bewusst für eine christliche Einrichtung und besichtigte gemeinsam mit seiner Suchtberaterin unter anderem NEUSTART in Breitscheid. „Der Ort war so ruhig und schön, dass ich mich auf Anhieb für Breitscheid entschieden habe. Als ich den Hof sah, war es Liebe auf den ersten Blick“, sagt er lächelnd. Nach seiner Entgiftung kam Robi Mitte März 2014 an, um in der ländlichen Idylle Mittelhessens einen Neustart zu wagen.

„NEUSTART und Rittal Foundation verbindet das gemeinsame Anliegen, neue Perspektiven und Chancen für Menschen in den Randgruppen unserer Gesellschaft zu eröffnen.“

Geringe Rückfallquoten

„Nicht jeder, der zu uns kommt, bleibt. Wir sind ein suchtmittelfreier Raum – kein Alkohol, kein Nikotin, die Medien nur nach dem Stufensystem, Kontaktsperre in den ersten drei Monaten. Das schreckt viele ab“, stellt Arne Thielmann, Vorsitzender von NEUSTART, fest. Doch von denen, die länger geblieben sind, weiß er: Rund 50 Prozent sind nicht rückfällig geworden, sie haben Familien gegründet und wieder einen Arbeitsplatz gefunden. In staatlichen Einrichtungen für Drogenabhängige liegt die Rückfallquote wesentlich höher. „Das liegt meiner Meinung nach daran, dass die Gefährdeten in den meisten Einrichtungen höchstens ein Jahr bleiben dürfen. Für die meisten ist es einfach nicht genug Zeit, um das Vakuum zu füllen, das durch den Entzug der Suchtmittel entsteht“, meint Thielmann.

Bei NEUSTART hingegen muss niemand nach einem Jahr gehen. Die „Jungs“, wie der 50-Jährige die aktuell fünf Bewohner der betreuten Wohngemeinschaft im Alter zwischen 15 und 23 Jahren nennt, können bleiben, so lange sie selbst und ihre Betreuer es für sinnvoll halten. Meistens sind es vier bis fünf Jahre. In dieser Zeit versuchen sie nicht nur, ihre Sucht zu überwinden. Sie lernen auch, ihr Leben von Grund auf neu zu ordnen. So wachsen sie in neue Strukturen hinein, arbeiten oder machen eine Ausbildung in der hofeigenen Tischlerei, die Holzpaletten und -verpackungen herstellt und an Kunden im Umkreis von 100 Kilometern liefert – darunter die Friedhelm Loh Group. „Wir sind seit knapp 20 Jahren ein A-Lieferant für Rittal, weil wir gute Arbeit machen. Es ist ein über viele Jahre gewachsenes Vertrauensverhältnis“, betont Arne Thielmann.

Langfristige, ganzheitliche Betreuung, Vertrauensvorschuss und bewusste Hinwendung zum christlichen Menschenbild sind aus Thielmanns Sicht die wichtigsten Zutaten für das Erfolgsrezept von NEUSTART. „Wir teilen unser Leben mit diesen Jungs, die oft seelisch verwahrlost sind und nicht mal das Einmaleins des ­täglichen Lebens beherrschen. Das braucht viel Geduld, familiäre Umgebung und Herzblut.“ Trotz aller Professionalität wünschen sich die Verantwortlichen bei NEUSTART, dass ihr Verein noch lange Zeit nicht institutionalisiert wird, sie vertrauen auf die Stärke der lebendigen Gemeinschaft mit familiären Strukturen.

Entzug allein reicht nicht

In der Werkstatt riecht es nach frisch gesägtem Holz. Robi Brömel arbeitet konzentriert an einer Fräsmaschine. Seit über drei Jahren ist er inzwischen „clean“. Er macht eine Ausbildung zum Schreiner, hat die Zwischenprüfung erfolgreich bestanden und eine neue Freundin. „Das erste halbe Jahr war unglaublich schwer. Durch den Entzug hatte ich körperliche Schmerzen, war sehr schwach, musste viel schlafen“, erinnert er sich. Zu seinen Eltern hatte er keinen Kontakt, durfte nicht einmal zur Beerdigung seiner Oma gehen. Im ersten Jahr absolvierte er wie alle Neuankömmlinge bei NEUSTART ein Arbeitstraining. „Acht Stunden durchzuhalten, war damals eine echte Herausforderung. Aber nach einem halben Jahr merkte ich, dass ich es packen kann“, sagt er.

Der Sozialpädagoge Thomas Landgraf, der Robi bei NEUSTART von Anfang an begleitet hat, weiß, welche Rolle die Inte­gration in den Arbeitsmarkt für suchtgefährdete Jugendliche spielt. „Sie schöpfen wieder Selbstvertrauen, weil sie merken, dass sie etwas mit eigenen Händen schaffen. Das motiviert sie, Verantwortung zu übernehmen und Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Das ist wiederum die Basis, um eine berufliche Perspektive zu entwickeln und das Vertrauen der Gesellschaft zurückzugewinnen.“ Arne Thielmann ergänzt: „Es reicht ja nicht, den Jungs ihre Suchtmittel wegzunehmen, sie brauchen etwas, das ihnen einen neuen Sinn im Leben, ein neues Körper- und Selbstwertgefühl gibt.“

Damit das aufkommen kann, hat der Verein viel investiert, um die Hofanlage attraktiver zu machen und Begegnungen mit Gleichaltrigen aus der Region zu fördern. Nach und nach entstanden auf dem fünf Hektar großen Gelände ein Lamagehege, ein Versammlungsplatz für Pfadfinder, ein Fußballgolfplatz, ein liebevoll eingerichtetes Hofcafé und einiges mehr. Mit der Förderung von 5.000 Euro für eine Erweiterung des Hofs um ein Hofcafé und einen Versammlungsraum mit Küche ist jetzt ein weiterer Baustein der Hilfe hinzugekommen. „Wir sind sehr dankbar, dass wir auf die langjährige Unterstützung der Rittal Foun-dation und der Mitarbeiter der Friedhelm Loh Group zählen können“, so Thielmann. „Ohne diese Hilfe wäre vieles nicht möglich.“ Lebhaft erinnern sich die NEUSTART-Mit-arbeiter an einen Arbeitseinsatz vor vier Jahren, zu dem überraschend 70 freiwillige Helfer der Friedhelm Loh Group kamen, um einen in die Jahre gekommenen Zaun zu erneuern und die Einfahrt zu pflastern.

Dass ein Familienunternehmen wie Rittal eine besonders lange und vertrauensvolle Beziehung zum Verein NEUSTART pflegt, ist für den Vorstandsvorsitzenden der Rittal Foundation, Friedemann Hensgen, eine Selbstverständlichkeit. „NEUSTART und Rittal Foundation verbindet das gemeinsame Anliegen, neue Perspektiven und Chancen für Menschen in den Randgruppen unserer Gesellschaft zu eröffnen. Uns hat besonders die Nachhaltigkeit beeindruckt, mit der sich die Mitarbeiter für die gute Sache engagieren. Ebenso nachhaltig fördert die Rittal Foundation deshalb verschiedene Projekte von NEUSTART“, betont Hensgen.

Eine nachhaltige Veränderung spürt auch Robi: „Ich merke, dass die Betreuer mich langsam loslassen und darauf vertrauen, dass ich nicht wieder abrutsche. Auch ich selbst habe keine Angst mehr davor.“  Seine Erfahrung soll andere Kinder und Jugendliche vom Experimentieren mit Drogen abhalten, deshalb geht er gemeinsam mit Thomas Landgraf in die umliegenden Schulen, erzählt seine Geschichte, beantwortet Fragen. Nächstes Jahr will er seine Gesellenprüfung schaffen. „Ich habe mein Leben sortiert. NEUSTART hat mir dabei sehr geholfen, mir vertraut und mich Selbstvertrauen gelehrt. Ohne das geht es nicht.“

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