Das Magazin der Friedhelm Loh Group

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Stahlo Stahlservice
Praxis – Stahl

Das Stahlgeschäft wird smart

Stahlo Stahlservice. Oliver Sonst, Geschäftsführer von einem der größten und modernsten Stahlservice-Center in Europa, weiß, wie Zukunft geht. Der Manager steht für die Neuausrichtung des Unternehmens und hat mit der be top über Spitzentechnologie, die Nähe zum Kunden und seine Visionen für die Zukunft gesprochen.

Text Sabine Spinnarke ––– Fotografie

Oliver Sonst steht auf einem Stahlpodest und zeigt hinunter in die 22.000 qm große Werkshalle. Von hier kann der CEO von Stahlo International die Halle am besten überblicken. Er zeigt stolz auf die riesige Hightech-Konturenpressanlage. Dahinter stapelt ein Automatikkran die tonnenschweren Stahlcoils. Mit Kameras und Sensoren ausgestattet, positioniert der Kran sie so, dass sie später in der richtigen Reihenfolge zu Stahlband oder Konturschnitten weiterverarbeitet werden können. Seit Oktober 2019 führt der Maschinenbauingenieur Oliver Sonst die Geschäfte der drei Stahlservice-Center Gera, Dillenburg und Nordhausen. Soeben ist er auf dem Weg hinunter in die Halle der Stahlo Gera. Das Thüringer Werk ist auf Formplatinen und Spaltband aus hochfesten und ultrahochfesten Stählen für die Automobilindustrie spezialisiert. Pro Jahr können hier 400.000 Tonnen Stahl weiterverarbeitet werden.

KUNDENFOKUS UND BIG DATA

Für Sonst ein ideales Betätigungsfeld: „Ich habe mir nach dem Studium gezielt eine Beschäftigung in der Automobilindustrie gesucht“, sagt der Manager. Eine wichtige Karrierestation war für ihn das Familienunternehmen WKW-Erbslöh Automotive. Dort verantwortete er das Projektgeschäft mit BMW. „Jede Woche war ich im Innovationscenter in München. Von den ersten Design-ideen, den Testaufbauten über den Bau des Musterfahrzeugs bis in die Serienfertigung haben wir eng mit den BMW-Ingenieuren zusammengearbeitet.“ Seine Augen blitzen, als er von dem hohen Niveau der Automotive-Projekte berichtet. Der Schritt an die Spitze von Stahlo war für ihn nur folgerichtig. In jeweils Acht-Jahres-Schritten hat Sonst das Tier-1-Geschäft noch bei zwei weiteren Familienunternehmen kennengelernt. „Stahlo hat ein Riesen-Potenzial“, sagt der marktorientierte Stratege, der nun die Geschicke Stahlos in seinen Händen hält – wieder innerhalb einer inhabergeführten Unternehmensgruppe.

Auf seinem Weg durch die Fertigung geht Sonst in Richtung Konturenpresse. „Die Anlage hier ist so ziemlich das Neueste vom Neusten“, sagt er und erläutert den hohen Automatisierungsgrad im gesamten Werk. Eine Delegation von Tesla habe sich bei ihrem Besuch von der Platinen­schneidanlage besonders beeindruckt gezeigt. Zwischen Paletten mit frisch zugeschnittenen Platinen bleibt er kurz stehen und nimmt einen der Begleitzettel in die Hand: „Das zum Beispiel sind Seitenteile für einen VW.“ Vor der Schuler-Anlage sprechen ihn zwei der Facharbeiter an: „Sie kennen sich doch aus“, meint der Ältere. „Ich muss Ihnen eben mal etwas zeigen“, sagt der andere. Die Männer beugen sich über ein Bedienterminal. Nach einem kurzen Wortwechsel sind sich die drei einig. Vor seinem Studium hat Sonst Industriemechaniker gelernt. Er kennt also die praktische Seite gut. Das erleichtert ihm den Kontakt zur Belegschaft. „Die sind hier extrem motiviert“, meint Sonst. Mit der neuesten Technik arbeiten zu können spornt die 80 Facharbeiter an. 45 Millionen Euro flossen in den Kapazitätsausbau des Werks.

Die Gewissenhaftigkeit jedes Einzelnen ist ihm wichtig. „Es darf kein schlechtes Teil zum Kunden“, sagt er und unterstreicht dabei „kein“ mit der Hand. Und sollte doch einmal etwas schiefgehen, findet eine systematische Analyse der Fehlerursache statt, deren Ergebnisse auf alles andere übertragen werden. „So kann in Zukunft kein Fehler ähnlicher Art passieren“, sagt Sonst. Entschlossen geht er weiter, rechts und links von ihm mannshohe Stahlcoils. Sonst zeigt mit ausgestrecktem Arm von einem Hallenende zum anderen: „Der Materialfluss ist perfekt durchorganisiert. Wir können hier schlank und fehlerfrei produzieren.“ Ausgehend vom automatisierten Wareneingang und Lager an der Kopfseite der Halle verläuft der Fluss durch die Hallenmitte, wo rechts das Spaltband und links die Platinen hergestellt werden. Am anderen Ende fließt alles wieder zusammen. Die Aufträge werden konfektioniert und verladen. Bei Volllast sind das täglich 60 bis 80 Lkw, die am Warenausgang abgefertigt werden könnten. Dorthin will Sonst innerhalb der nächsten zwei Jahre kommen. „Zieht man mit dem Zirkel einen Kreis mit 500 Kilometer Radius um das Werk, liegen wir für die Automobilisten aus München, Leipzig, Zwickau, Brandenburg und Wolfsburg ideal“, sagt er.

 

Auf dem Rückweg in den Verwaltungstrakt bleibt Sonst vor einer Maschinenwelle stehen. Sie liegt auf dem Boden und hatte einen Defekt an einer der Bandschneidemaschinen verursacht. Gemeinsam mit einem der Facharbeiter wirft er einen prüfenden Blick in die Maschine. Das reicht für Sonst, um das Problem zu erkennen. Auf dem Rückweg ins Büro kommt ihm der Werkleiter entgegen. „Unten ist Schichtwechsel und an der Spaltanlage muss ein Fehler behoben werden." Der Werkleiter weiß, dass die Maschine dringend starten muss, um den Auftrag pünktlich abzuliefern. „Ich kümmere mich“, antwortet der ruhig und ist auf dem Weg die Treppe hinunter. „Neben hoher Produktqualität sind Pünktlichkeit, Verlässlichkeit und Transparenz für unsere Kunden das Wichtigste“, betont der Manager.

Wie er auf die Bedürfnisse der Kunden künftig noch besser eingehen wird, zeigt er im Büro. Dort angekommen, nimmt er ein Stück Papier und skizziert, wie das Stahlo-Geschäft in drei bis vier Jahren aussehen könnte. „Die Echtzeitverarbeitung der Daten bietet ein irres Potenzial“, sagt er. Auf seiner Skizze ist ein Stahlwerk, Lkw, Güterzüge, der Kunde und Stahlo selbst zu sehen. Mithilfe von Big Data ließe sich aus den Mengen, Güten und bereits vorhandenen Aufträgen für jede Anfrage ein zeit- oder preisoptimiertes Angebot errechnen.

AUF DEM WEG IN DAS DIGITALE STAHLGESCHÄFT

„Wenn wir so früh wie möglich erfassen, wie viel Material welcher Güte in welchem Werk auf dem Lkw oder schon bei uns liegt, können wir dem Kunden das gewünschte Material optimal kombinieren. Alternativ können wir dem Kunden auch aus dem vorhandenen Vorrat eine sofortige Lieferoption anbieten. Die schnelle Verfügbarkeit ist für unsere Kunden das kaufentscheidende Kriterium“, erklärt Sonst. Für die Umsetzung seiner Pläne steht der Stahlo-Geschäftsführer schon in Kontakt mit Softwarespezialisten. „Ich glaube, jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, aus dem klassischen Geschäft mit Stahl ein digitales Geschäft zu machen“, sagt Oliver Sonst und schaut gelassen durch das Fenster in die Produktion hinunter.

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