Das Magazin der Friedhelm Loh Group

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Eine Frage:
Praxis

Wie schaffen wir die Wende in die Industrie, Herr Jetter?

EIN GASTBEITRAG VON: Martin Jetter, Präsident des Vorstands der Scion Association und Mitglied im Stiftungsrat der Friedhelm Loh Group 


WIRTSCHAFT IN DER KRISE

Wie muss sich unsere Einstellung ändern?

Herzlich willkommen im „New Normal“! Was das genau ist, wissen wir noch nicht, aber was wir derzeit in der Wirtschaft unseres Landes, Europas und der Welt erleben, macht uns „Angst“. Ja, die berühmte „German Angst“, die als Begriff in den Wortschatz der Amerikaner, Briten und vieler anderer eingegangen ist. Vieles bereitet uns Sorgen: die wirtschaftliche Lethargie in Deutschland, die Befürchtung, unsere Wettbewerbsposition zu verlieren, die Dynamik in Asien, die rigorose Durchsetzung weltpolitischer und wirtschaftlicher Interessen, die gesellschaftliche Spaltung, die „sozialen“ Medien und überhaupt fast alles. Besonders beunruhigend ist die Vorstellung, dass diese Ängste unser „New Normal“ sein könnten.

Martin Jetter leitete die weltweite Servicesparte von IBM mit rund 140.000 Mitarbeitern und war Mitglied der Geschäftsleitung der IBM Corporation. Vor seinem Wechsel zur SCION Association 2025 war er Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Börse AG.

RÜCKKEHR DES PROTEKTIONISMUS

Wir sehnen uns nach den frühen 2000ern und glauben, damals sei alles besser gewesn. Und dann noch die US-Zollpolitik. Vordergründig könnte man sagen, es handelt sich um ein Wiederaufleben des totgeglaubten Protektionismus früherer Jahre. Über 30 Jahre lebten wir in einer Welt zunehmender Vernetzung von Wirtschaft und Politik. Die Globalisierung brachte selbst ärmsten Ländern neuen Wohlstand, bekämpfte Hunger und Analphabetismus – mehr als alle Entwicklungsprogramme der letzten Jahrzehnte zusammen. Und nun das: Zölle, Drohungen, Einseitigkeit!

Das fordert uns heraus. Aber müssen wir Europäer nun die Köpfe in den Sand stecken? Müssen wir akzeptieren, dass unsere Infrastruktur leidet, unsere Industrie Schaden nimmt und unsere wirtschaftliche Stärke schwindet? Klare Antwort: nein! Die Lösung liegt viel näher, als wir denken. Die Lösung sind erst einmal wir selbst, Sie, ich, viele.

GEFÄHRLICHE SORGLOSIGKEIT

Sie fragen, wie das? Folgen Sie mir ein wenig: In der Finanzkrise öffneten die Zentralbanken die Geldschleusen, um eine globale Wirtschaftskrise zu verhindern. Das war richtig, hatte aber auch Konsequenzen: Die Wirtschaft lief jahrelang auf Hochtouren, besonders in Europa und Deutschland. Wir gewöhnten uns daran und glaubten, alles ginge so weiter. Die üblichen zyklisch bedingten Abschwungphasen blieben weitestgehend aus. Eine ganze Generation erlebte keine wirkliche Krise. Fachkräfte wurden knapp, vielen sozialpolitischen Forderungen wurde oft zu schnell nachgegeben. All das führte zu einer Sorglosigkeit, in der sich die Prioritäten verschoben. Erarbeitete Erfolge und Leistungen aus der Vergangenheit wurden immer mehr als gegeben angenommen, Ansprüche für die Zukunft daraus abgeleitet.

Dann kam Corona. Wir waren besorgt und lernten, dass Regierungen mit viel Geld Arbeitsplätze sicherten und schwankende Unternehmen auffingen. Die unverkennbaren Vorteile von Homeoffice wurden zum Synonym für persönliche Optimierung – bis dann die Firmen ihre Mitarbeiter wieder in die Büros holten. Begriffe wie Leistung und persönliche Verantwortung wurden verpönt. Regulierungswut und Bürokratisierung nahmen überhand. Und heute? Viele schauen „belämmert“ und merken, dass es so nicht weitergeht. Sie rufen nach der Politik: „Macht etwas!“, und hoffen, selbst nichts tun zu müssen. Besser wäre es, wenn sich möglichst alle dies zurufen und Innovationen sowohl in der Politik als auch in den Unternehmen gefunden würden.

Wenn wir alle bereit sind, Bürokratie nicht mehr ungefragt hinzunehmen, Leistung wieder mehr wertzuschätzen, Freude an neuen Ideen zu haben, auch wieder mehr zu arbeiten, lieb gewonnene Bequemlichkeiten zu hinterfragen und dem gesunden Menschenverstand Raum zu geben – dann sind Lösungen möglich.

EINE ANDERE MENTALITÄT ALS „GAMECHANGER“

Es ist eine Frage der Einstellung, ob wir die Wende zum Besseren schaffen. Deutschland hat nach wie vor beste Voraussetzungen, sich wieder nach vorne zu arbeiten: gute Ausbildung, Universitäten, dynamischer Mittelstand, Rechtssicherheit und mehr. Der Gedanke eines geeinten, starken Europas ist unverändert richtig, vielleicht heute mehr denn je. Es lohnt sich, den Kompass neu auszurichten und alles zu tun, um die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Wenn möglichst viele an einem Strang ziehen, wird sich schnell etwas bewegen. Es ist an der Zeit, die Komfortzone zu verlassen, bevor sie dauerhaft unkomfortabel wird. Wir sollten es artikulieren, wo immer wir die Möglichkeit haben. Erst ein verändertes Bewusstsein, neudeutsch „Mindset“, schafft die Voraussetzung für Veränderung.

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