Text Hans Robert Koch, Daniel Giebel ––– Fotografie
Als der erste Batteriespeicher auf dem Betriebshof der AWA am östlichen Rand von Aachen aufgestellt werden sollte, dauerte es länger als geplant. Nicht etwa, weil die Technik Probleme machte – sondern wegen des Fundaments: „Der Schrank war so massiv und zugleich so exakt gefertigt, dass wir die Fläche erst nachbearbeiten mussten, um ihn wirklich sauber nivelliert ausrichten zu können“, erinnert sich Dominique Grümmer, technische Mitarbeiterin bei der AWA Entsorgung GmbH. Als ein Problem empfand sie das jedoch nicht. Im Gegenteil, sie war beeindruckt: „Bei der Energiemenge, die da drinsteckt, darf nichts wackeln.“
Die Anlage steht heute stabil und verrichtet verlässlich ihren Dienst. Sie glättet Lastspitzen, speichert die Energie von firmeneigenen PV-Elementen auf den Dächern ringsum und soll künftig auch beim nächtlichen Laden der E-Fahrzeugflotte unterstützen. Der innovative Energiespeicher stammt von der Firma Voltfang, das passende Outdoor-Gehäuse von Rittal.
LÖSUNG STATT KOMPONENTE
Voltfang setzt auf Second-Life-Batteriemodule aus der E-Mobilität, die nach eingehender Prüfung und Aufbereitung weitergenutzt werden. Doch die Technik stellt nur einen Teil des Angebots dar. „Wir liefern nicht einfach Speicher, sondern Lösungen für konkrete Energieprobleme unserer Kunden“, sagt Sebastian Spoo, bei Voltfang zuständig für Supply Chain Management: „Ob Lastspitzen, PV-Integration oder Netzoptimierung – wir bauen nicht einfach nur Batteriekisten, sondern komplette Systemlösungen.“
Ein entscheidendes Element dabei: das Gehäuse. Felix Nolte, Head of Product Development bei Voltfang, bringt es auf den Punkt: „Ohne die passende Infrastruktur lässt sich kein skalierbares Produkt bauen. Die Outdoor-Gehäuse von Rittal stellen für uns die ideale Voraussetzung dar, um Speicher als standardisierte, modulare Systeme anzubieten.“
VOM FESTIVAL ZUR ENERGIEWENDE
Dass Voltfang heute systemrelevante Lösungen zur Energiewende beiträgt, hatte ganz am Anfang etwas mit Durst zu tun. Den Heureka-Moment gab es auf einem Festival, bei dem die Batterie im Wohnmobil der befreundeten zukünftigen Gründer Afshin Doostdar, David Oudsandji und Roman Alberti den Dienst versagte. „Die drei haben sich dann mit einem Solarpanel auf dem Dach und einer alten Tesla-Batterie beholfen, um den Kühlschrank wieder zum Laufen zu bringen“, erzählt Spoo. „Daraus entstand die Idee, Speicherlösungen auf Basis gebrauchter Batterien zu entwickeln.“ Die offizielle Gründung des Start-ups unter dem lautmalerischprogrammatischen Namen „Voltfang“ erfolgte dann im Jahr 2020. Der erste selbst gebaute – und immer noch funktionierende – Speicher hängt heute bei den Eltern von einem der Gründer im Keller, sozusagen als Denkmal für die Anfangstage.
VOM MODUL ZUM SYSTEM
Die Batteriemodule – gebrauchte, technisch überholte oder überflüssige Einheiten von Partnern aus der Automobilbranche – durchlaufen bei Voltfang eine mehrstufige Eignungsprüfung. Erst danach werden sie mit der hauseigenen Battery-Management-Software ausgestattet und in Strings verschaltet. Die fertigen Einheiten werden in die nach Kundenwunsch vorkonfigurierten Schaltschränke gebaut – inklusive Verkabelung, Wechselrichter und Klimatisierung.
Dabei profitieren die Entwickler von einem einfachen, aber entscheidenden Umstand: Verfügbarkeit. „Wenn wir einen Schrank von Rittal brauchen, ist der im Zweifelsfall am nächsten Tag auf dem Hof“, so Spoo. Auch die Anbauteile kommen aus dem Baukasten. Das spart Abstimmung und Zeit.
OUTDOOR IMMER MITGEDACHT
Die Partnerschaft mit Rittal bahnte sich schon kurz nach der Gründung des Startups an. Carsten Wessel, Energy-Experte bei Rittal, hat sie seit den Anfängen begleitet: „Das Schöne war: Voltfang verfügte schon über eine funktionierende Indoor-Lösung. Daraus konnten wir gemeinsam in relativ kurzer Zeit eine Variante für draußen entwickeln. Drei Monate, dann war die Plattform outdoortauglich.“
Das Ergebnis: standardisierte Speicherlösungen, die modular skaliert werden können. Von der Einzelanlage in der Landwirtschaft bis zu Multi-String-Lösungen für Industrie oder Energiehäfen. Die klimatisierten TopTec-Schaltschränke lassen sich an verschiedene Anforderungen anpassen. „Ob hohe Umgebungstemperaturen oder erhöhte Sicherheitsanforderungen – die Rittal-Gehäuse bieten uns hier volle Flexibilität“, sagt Felix Nolte.
ENERGIE SPEICHERN, WO SIE ENTSTEHT
Voltfang betreut längst auch große Projekte in ganz Deutschland und darüber hinaus: Speicher für die Tankstellenkette Jet zur Entlastung der Schnelllade-Infrastruktur, Anlagen am Flughafen Stuttgart oder Systeme für Kunden im Bereich Energy Trading. Die Module entstehen in Aachen, werden vormontiert ausgeliefert und vor Ort bei den Kunden durch eigene Teams oder auch zertifizierte Vertriebspartner installiert.
Die Zielgruppe ist breit gefächert: „Wir haben Kunden in der Metallverarbeitung, Landwirte mit viel PV-Fläche, aber auch Unternehmen mit schwankendem Verbrauch oder Netzausbaubedarf“, sagt Spoo. Besonders im Outdoor-Bereich sei der Bedarf groß. „Innenfläche ist für Unternehmen immer knapp und teuer. 80 bis 90 Prozent unserer Speicher werden draußen aufgestellt.“
BRANDSCHUTZ CLEVER GELÖST
Der Trend zur Outdoor-Lösung bringt einen zusätzlichen Vorteil mit sich: „Besonders bei sogenannten Key-Accounts stellen neben den Kunden auch Gebäudeversicherer, Städte oder Feuerwehren hohe Anforderungen“, berichtet Spoo. Oft fehlten für die neu zu schaffenden Arbeitsbereiche geeignete Brandschutzräume, ausreichende Durchlüftung oder ein sicherer Zugang. „Da sind wir anfangs relativ oft auf Hürden gestoßen, weil Kunden die baulichen Anforderungen im Innenbereich nicht ohne hohen organisatorischen oder finanziellen Mehraufwand erfüllen konnten.“
Die logische Konsequenz: Speicher nach draußen verlagern, mit dem nötigen Sicherheitsabstand zu Gebäuden. „So können wir Projekte realisieren, die im Innenbereich an regulatorischen Vorgaben gescheitert wären.“
ROBUST, EFFIZIENT, EINSATZBEREIT
Doch beim Außeneinsatz kommt es nicht nur auf Wetterfestigkeit an, sondern auch auf Betriebssicherheit. Wie bereits eingangs erwähnt: „Ein voll bestückter Schrank mit 180 Kilowattstunden Speicherleistung wiegt fast zwei Tonnen“, so Nolte. „Da muss alles passen: Statik, Dichtigkeit, Klimatisierung.“ Die Schaltschränke für Voltfang kommen traditionell aus der TopTec-Reihe von Rittal.
Sie bestehen aus Edelstahl, sind IP55-geschützt und lassen sich sogar an die widrigen Umwelt- und Wetterbedingungen anpassen. Die Kühlsysteme sind energieeffizient und austauschbar, was Wartung und Upgrades erleichtert. Rittal liefert damit nicht nur Hardware, sondern eine echte Energiewende-Plattform, auf der Voltfang weiterdenken kann.
ZUKUNFTSTRÄCHTIGES KONZEPT
Zurück zum Standort der AWA in Nordrhein-Westfalen: Dort ist bereits ein zweiter Speicher in Planung. Energiemanager Oliver Bode zeigt sich zufrieden: „Wir sind damit fast energieautark. Ohne den Speicher wäre das so nicht möglich.“ Und auch Dominique Rümmer zieht ein positives Fazit: „Man sieht einfach, dass die Anlage durchdacht ist. Das Ganze ist kein Prototyp mehr, sondern ein echtes Produkt für den täglichen Einsatz.“
Was vor einigen Jahren mit einer verspielten Festival-Challenge begann, hat sich längst zur zukunftsträchtigen Lösung entwickelt. Und mit der richtigen Hardware drumherum spielt auch das System – exakt.