Das Magazin der Friedhelm Loh Group

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Miteinander – Arbeitswelt

Wood Wide Web

Zusammenarbeit. Die Natur macht es vor: Organisierte Systeme sind erfolgreicher. Das gilt auch für Unternehmen in Zeiten der Digitalisierung. Dabei können sie vor allem vom Algorithmus des Waldes lernen. Getreu nach dem Motto "Wood Wide Web".

Text Ingrid Kirsch ––– Fotografie

Voll vernetzen, clever kommunizieren, optimal organisieren, professionell produzieren: Die Natur macht uns vor, dass die Vernetzung von Akteuren, ­Prozessen und Informationen heute unverzichtbar ist – im Kosmos des eigenen Unternehmens genauso wie im Zusammenspiel mit Unternehmern innerhalb der eigenen Branche wie mit Akteuren anderer Industrien und Disziplinen bis hin zu Wettbewerbern. Und wie solche Netzwerke und Partnerschaften nach dem Vorbild von Flora und Fauna effizient und effektiv funktionieren.

„Die Natur ist ein Erfolgsunternehmen, das in Millionen von Jahren nicht pleitegegangen ist.“


Gurdrun Happich
Biologin, Bionikexpertin und Businesscoach

Denn unser Wald und unsere Natur sind nichts anderes als ein Wood Wide Web. Ein waldweites Netzwerk, in dem etwa feine Pilzfäden, die sich durch den gesamten Waldboden ziehen, wie LAN-Verbindungen eines Computernetzwerks fungieren. In dem die dünnen Leitungen der Pilzhyphen den überlebenswichtigen Austausch von Nährstoffen, Wasser und Botenstoffen sicherstellen. In dem Bäume Informationen an benachbarte Pflanzen übermitteln. Ein ausgeklügeltes System aus Geben und Nehmen: Dünne, weiße Pilzfäden, die sich wie Wattewickel um Baum- und Pflanzenwurzeln legen, erweitern das Wurzelgeflecht der Pflanzen und stellen ihnen so zusätzlich Wasser und Nährstoffe zur Verfügung. Bäume und Pflanzen „bezahlen“ ihrerseits mit Kohlenhydraten. Kein schlechter Tausch, zumal ihr Kooperationspartner zusätzlich ein Kommunikationsnetz für Bäume und Pflanzen spinnt. Bäume stehen mithilfe solcher Pilzgeflechte chemisch und elektrisch miteinander in Verbindung, können sich gegenseitig vor Schädlingen warnen oder ihre Baumkinder mit Zuckerlösung päppeln.

Bäume können aber noch mehr: Sie senden Moleküle auch oberirdisch, um zum Beispiel mit komplexen Säuren Feinde abzuwehren oder mit Gasen vor Stürmen zu warnen. Heißt: Das Wood Wide Web hat viele Leitungsbahnen, und die Bäume sind seine wichtigsten Server. „Pflanzen und Tiere rechnen immerzu mit Schwierigkeiten und können schneller auf unerwartete Änderungen reagieren“, fasst Biologin, Bionik­expertin und Businesscoach Gudrun Happich das Überlebensgeheimnis von Flora und Fauna zusammen. „Die Natur ist ein Erfolgsunternehmen, das in Millionen von Jahren nicht pleitegegangen ist.“

Geschicktes Warnsystem. Achtung: Feinde! Auf über­irdischem Weg über­mitteln Bäume spezielle Moleküle als Warnung vor Angreifern an die benachbarten Pflanzen.

Dezentrales Netzwerk mit zentraler Datenverarbeitung

Stefano Mancuso arbeitet mit Hochdruck daran, den Algorithmus des Netzwerks Natur zu entschlüsseln: Der renommierte Botaniker aus Florenz ist von der Intelligenz der Pflanzen überzeugt. Warum? Weil die Pflanzenwelt – anders als Mensch und Tier – nicht auf Hierarchien baut, sondern auf ein dezentrales Netzwerk aus gleichberechtigten Elementen. Statt über ein zentrales Gehirn entwickeln Baum, Busch und Blume eine verteilte Intelligenz. Mit Wurzelspitzen, die wie Datenverarbeitungszentren fungieren. Und einzelne Pflanzen zu einem Team formen, das smart auf seine Umgebung reagieren kann.

Das Teilen von Fähigkeiten und Wissen ist in der Natur also weitverbreitet und überlebenswichtig für die Artgenossen und Ökosysteme. Findet eine Ameise Futter, markiert sie den Rückweg von der Futterquelle zum Ameisenbau mit Duftstoffen. So wissen die anderen schneller, wo sie Nahrung finden können. Begegnen sich Bakterien, tauschen sie blitzschnell Genteile aus. Diese bakterielle Konjugation stärkt ihre Widerstandskraft gegen Medikamente. Und die Ameisen mögen Samen wegen der darin enthaltenen Stärke und des Zuckers. Sie fressen die Nährstoffe, räumen den Samen aus ihrem Nest und sorgen so dafür, dass an genau dieser Stelle im nächsten Frühling wieder ein blaues Blümchen blüht.

Lernen vom Vorbild Natur

Was Managementexperten von Ameisen und Bakterien lernen? Dass es in komplexen Organisationen notwendig ist, Informationen transparent und zielgerichtet zu teilen. Sowohl innerhalb von Unternehmen, zum Beispiel zwischen unterschiedlichen Abteilungen, die zusammenarbeiten sollen. Oder über Unternehmensgrenzen hinweg. Dabei gedeiht eine Partnerschaft und trägt Früchte nur, wenn beide Seiten davon profitieren. Zum Beispiel, wenn Produktionsunternehmen mit Maschinenherstellern zusammenarbeiten. Die Produktion liefert Daten von den Maschinensensoren, die Maschinenhersteller optimieren im Gegenzug ihre Maschinen oder liefern klugen Instandhaltungsservice und helfen damit Stillstandszeiten zu reduzieren.

Intelligente Koordination: Findet eine Ameise Futter, markiert sie den Rückweg von der Futterquelle zum Ameisenbau mit Duftstoffen. So wissen die anderen schneller, wo sie die Nahrung finden können.

Oberstes Gebot in einer Partnerschaft ist allerdings Ehrlichkeit. Wer sich nicht daran hält, der verliert. Das spüren Wild­orchideen, die mit Pheromonen Insekten als Sexualpartner anlocken. Doch die nehmen diesen Bluff langfristig übel. Ein zweites Mal fliegen sie die Blüten nicht nur nicht mehr an – sie informieren auch Artgenossen über das Täuschungsmanöver. Die Folge: Wild­orchideen sind vom Aussterben bedroht. Wer täuscht, fährt auf Dauer ins Verderben – in der Natur wie in der Wirtschaft. Etwa durch glanzvoll beworbene Produkte und Dienstleistungen, die nicht halten, was die Werbung verspricht.

Der Blick nach vorn ist entscheidend. Pflanzen und Tiere reagieren nicht erst kurzfristig auf äußere Einflüsse – sie passen sich vorausschauend und kontinuierlich an Veränderungen in ihrer Umgebung an. Für manche Spezies wie den Mammutbaum wird die Krise sogar zur Chance. Er wächst dort, wo Brände Wälder zerstören. Denn erst mit dem Feuer springen die Zapfen des Baumes auf und geben die Samen frei. Heißt für Unternehmen: lieber den Wandel aktiv und vorausschauend mitgestalten, als passiv abzuwarten. Dies gilt umso mehr in Zeiten, die durch grundsätzliche Veränderungen geprägt sind. Also besser jetzt die Megatrends des 21. Jahrhunderts – Digitalisierung, Vernetzung, Mobilität – aufgreifen und mit Partnern neue Produkte und Geschäftsfelder entwickeln.

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