Das Magazin der Friedhelm Loh Group

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Neues Werk von Rittal
Innovation

Industrie 4.0 wird Wirklichkeit

Fertigung 4.0. In das neue Werk in Haiger hat Rittal so viel investiert wie nie zuvor. Hier entstehen Schaltschränke, die allen Anforderungen der Digitalisierung gewachsen sind: die neuen AX/KX Serien. Gleich­zeitig ist das hoch automatisierte Werk selbst in die gesamte digitale Wertschöpfungskette eingebettet. Ein Blick in das Innere der Fertigungsstätte.

Text Jan Flegelskamp ––– Fotografie Michael Koch

Fast lautlos rollt das Fahrzeug durch die hohe Werkshalle, ohne Fahrer, ohne Fernbedienung. Es weiß, was es tun soll, und steuert sich selbst. Auf dem flachen Gefährt steht eine Palette mit fertig konfektionierten und folierten Bauteilen für einen kompakten Schaltschrank – den neuen AX. Der fahrerlose Transporter bringt das Paket zur Rollbahn, die ins Lager führt. Immer wieder queren Werksarbeiter den Weg und schauen dem Gespann nach.

Denn für alle Beteiligten ist das hier Neuland: Das Rittal Werk am Standort Haiger wurde „auf der grünen Wiese“ geplant und binnen knapp zweieinhalb Jahren fertiggestellt – voller neuester Technologie und mit Anbindung an das große Rittal Datennetzwerk. Im Frühjahr 2019 befindet sich das weltweit modernste Werk für Kompaktschaltschränke im sogenannten Ramp-up, in der Anlaufphase.

„Gerade bringen wir die Maschinen auf Touren, das heißt, sie werden vernetzt, abgestimmt, feingetunt“, erklärt Werksleiter Oliver Poth. Er hat den gesamten Bauprozess mitgestaltet. Durch das Fenster seines Büros blickt er auf eine fertige Produktionsstraße. Bei voller Auslastung laufen hier täglich 9.000 Schaltschränke vom Band. In seinen Augen blitzt Begeisterung auf, wenn Poth berichtet, wie viele Informationen unsichtbar zwischen den Maschinen ausgetauscht werden. „Hier entsteht Industrie 4.0“, sagt er sichtlich stolz.

Bekenntnis zu Deutschland

Mit der Grundsteinlegung am 19. August 2016 begann die Realisierung des ambitionierten Projekts. Schon in der Bauphase des Werksgebäudes wurde die größte Anlage integriert: Die Lackiererei, durch die alle Schaltschränke hindurch müssen. Hier werden sie mit ihrer unverwüstlichen Außenhaut versehen, egal, ob mit dem Standardgrau 70/35 oder einer frei wählbaren Farbe. Im April 2018 kamen die weiteren Gewerke hinzu: Logistik und Maschinen.

Jetzt, im fertigen Zustand, arbeiten im Werk mehr als 100 Hightechmaschinen und Anlagenkomponenten auf 24.000 Quadratmetern. Die Produktionsfläche ist auf zwei Ebenen verteilt. Daneben verfügt das Werk über einen 1.000 Quadratmeter großen Sozialbereich mit ­Duschen und Umkleidemöglichkeiten, den sogenannten Rucksack. Insgesamt sind knapp 1.000 Mitarbeiter am Standort Haiger beschäftigt, neben der Produktion auch im Lager, dem Logistikzentrum und dem Verwaltungstrakt.

Die Mitarbeiter sind einer der Gründe, warum Rittal in Haiger die größte Investition der Unternehmensgeschichte realisiert hat: Über 250 Millionen Euro wurden in die neue Fertigungsstätte und das angeschlossene Logistikzentrum gesteckt. Dieses starke Bekenntnis zum Standort Deutschland und zum Standort Mittelhessen, das der Werksbau für Rittal darstellt, begründet Carsten Röttchen, Geschäftsführer Produktion bei Rittal, mit der hervorragenden Qualifikation der Mitarbeiter vor Ort. 55 Beschäftigte hat Rittal hier in den vergangenen zwei Jahren zum Anlagenführer weitergebildet. Denn auch ein hoch automatisiertes Werk kommt nicht ohne Menschen aus.

Zitat Poth

„Hier entsteht Industrie 4.0. Dafür werden alle Maschinen vernetzt.“


Oliver Poth
Leiter Werk Haiger bei Rittal

Werksleiter Poth: „Bei voller Auslastung fahren wir einen Dreischicht­betrieb.“ Mensch und Maschine stellen dann gemeinsam eine neue Generation von Schaltschränken in Kompaktgröße her: den AX und den KX. Der AX wird künftig den AE ersetzen – der Schaltkschrankklassiker von Rittal seit 1961, von dem weltweit mehr als 35 Millionen Exemplare im Einsatz sind – von Skiliftstationen bis zu Containerschiffen. Kein Wunder also, dass der Hersteller bereits jetzt vom „neuen Original“ spricht.

„Damit unsere Kunden auch europaweit innerhalb von 24 Stunden Kompaktschaltschränke erhalten können, haben wir dieses Werk errichtet“, erläutert Röttchen. „Wir denken da vom Kunden zum Kunden: Die gesamte Logistik von Konfiguration und Auftrag bis zur Lieferung wird durch dieses Werk noch besser.“

 

Schaltanlagenbauer setzen kompakte Schaltschränke heute anders ein als noch vor zehn Jahren. Und erst recht anders als vor 50 Jahren, als der AE zum ersten Mal vom Band lief. Die Digitalisierung prägt heute das Umfeld der Gehäuse und damit den Schaltanlagenbau. Mehr Elektronik benötigt mehr Kabel für die Vernetzung. „Beim AX bauen wir das System weiter aus: Mit weniger Teilen und mehr Bauraum wird höhere Flexibilität erzielt“, sagt Röttchen.

Damit reihen sich die Optimierungen am Produkt in die digitale Lieferkette ein. Den Kunden stehen während der Konfiguration und Bestellung bereits hochwertige 3D-Daten zur Verfügung, die sie im Eplan Data Portal finden und mit deren Hilfe sie im Rittal Configuration System ihren AX oder KX erstellen können. Währenddessen entsteht der digitale Zwilling des Produkts, mit dem später der Schaltschrankbauer seine Bearbeitungsautomaten füttern kann.

  • Das Werk in Zahlen

    Das Werk in Zahlen

    Wie viel hat der Bau gekostet? Wie viele Schaltschränke können pro Tag produziert werden? Wie groß ist das Werk?

    9.000 Schaltschränke

    können bei voller Auslastung pro Tag das Werk in Richtung des angeschlossenen Hoch­regallagers verlassen oder direkt verschickt werden.

     

    100 Hightechmaschinen

    und Anlagenkomponenten wurden im Verlauf des Prozesses in das Werk eingebracht und miteinander vernetzt.

     

    24.000 Quadratmeter

    Produktionsfläche hat die neue Fertigungsstätte. Sie erstreckt sich auf zwei Ebenen und wird durch einen Sozialtrakt ergänzt.

     

    1.000 Mitarbeiter

    beschäftigt Rittal am Standort Haiger. Sie arbeiten im Werk selbst, in der Verwaltung und im Global Distribution Center.

     

    250 Millionen Euro

    hat das Unternehmen investiert, um das neue Werk mit angeschlossenem Logistikzentrum zu entwickeln und zu bauen; die größte Investition in der Unternehmensgeschichte von Rittal.

     

Außerdem wird er Teil der eindeutigen Seriennummer, die zusammen mit allen anderen Daten mittels Engineering und QR-Code auf dem Gehäuse einfach zuzuordnen ist. Die Bestellung erfolgt im Rittal Online Shop. Die Bestelldaten der Serienmodelle laufen automatisch und ohne Unterbrechung direkt ins Global Distribution Center, das ebenfalls voll automatisiert arbeitet. Die Verfügbarkeit der Produkte kann direkt bei Bestellung abgeglichen werden.

„Indem das Werk an den gesamten Datenfluss zwischen Kunde, Vertrieb, Produktion und Auslieferung angeschlossen ist, wird es Teil des digitalen Auftrags- und Lieferprozesses“, sagt Röttchen. „Für unsere Kunden bedeutet das bessere Verfügbarkeit.“ Auch die Maschinen im Werk sind miteinander vernetzt und tauschen gegenseitig pausenlos Daten aus. Das ist einerseits notwendig für aktuelle Produktionsprozesse. Andererseits werden zukünftig durch künstliche Intelligenz die erzeugten Daten zeitgleich auf Muster abgeglichen und Störfälle antizipiert, bevor sie auftreten.

„Für unsere Kunden bedeutet die Produktion in Haiger bessere Verfügbarkeit.“


Carsten Röttchen
Geschäftsführer Produktion bei Rittal

Neu sind nicht nur die Produkte, auf dem neuesten Stand ist auch die Produktionstechnik. Beispielsweise beim Verarbeiten der riesigen Coils, der Grundlage jedes Schaltschranks: Dabei ist eine Verbundanlage im Einsatz, in der parallel ein Laser-Cutter im Verbund mit Stanz- und Abstapelprozessen das Vorprodukt realisiert. Dies sorgt für schnellere Reaktionszeiten. „Durch neueste Produktionstechnik sind wir deutlich flexibler und können noch schneller auf Kundenanforderungen reagieren. Das macht das Werk dauerhaft zukunftsfähig und die Produkte, die dort entstehen, selbst zu hochqualitativen Werkstücken“, sagt ­Röttchen.

Mittlerweile hat der fahrerlose Transporter die ihm anvertrauten Werkstücke abgeladen. Zwischen unterschiedlichen Maschinen läuft das Paket über die Rollbahn in Richtung Hochregallager. Das Transportfahrzeug ist schon wieder auf dem Weg zum nächsten Auftrag.

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